26 May 2015

Sapri und Villammare: Himmel vor heimischer Hölle

Meine Lust zum Reisen schwindet mit der zum Schreiben. Zäh ziehen sich die Zeilen über den Bildschirm. Irgendwo kommt ein Gefühl hoch, zu alt für den Stress zu sein. Sollen sich Jüngere darum kümmern, in welcher Welt sie leben! Aus welcher Welt wir Alten gehen, kann uns doch gleichgültig sein! Schweren Stunden folgen schwermütige Sätze. Doch Stimmungen wechseln wie das Wetter, welches mit Sonnen- und Badeglück den Lebensakku voll füllt bis zum Übermut!


Was war das wieder für ein verschwitzter Stress, bis es zu diesem Selfie beim Sonnenuntergang in Praia a Mare kam. 190 Kilometer von Tropea bis zum nächsten Camping Village in Praia a Mare. Der Leser soll sehen, welches gewaltiges Reisetempe seit acht Tagen mich von Sizilien Richtung Heimat treibt.


Drei Nächte Giardini-Naxos, wo mich mittags die Sonne noch bei 30 Grad im Schatten gebraten hat, der Sprung auf das Festland zum Camp Mimosa, wo mir auch nur wieder drei Tage vergönnt waren, verbunden noch mit den Anstrengung, meine Wäsche in die Maschine zu tragen, abzuholen, aufzuhängen und einzuordnen. Wer sich dann noch den Haushalt in meinen sechs mals zwei Metern vorstellt mit Einkaufen, Kochen und allen Mühen, mich als Internet- und Info-Junkie auf dem Laufenden zu halten, der ahnt, was mich plagt. Die Straße vom Camp Mimosa nach Tropea wäre mit 40 Kilometer ja weniger spektakulär, wenn nicht Serpinten von Normalnull auf 600 Meter und zurück dazwischen lägen. Doch dann Tropea! Tropea schlägt eine weiteres Kapitel als Wundermärchen in meinem Reisebuch auf.



Schon meine nächsten Nachbarn im Camp Tropea sind es wert, in meiner Erzählung Platz zu finden. Dieser Rad-Reisende kommt mit Zelttuch aus. Die Bambusstäbe sucht er sich an jedem Platz wieder neu, ein anspruchsloser, gewiefter alter Indianer.


Dies Gefährt hat sich endgültig aus Altersgründen zum "ewig ruhenden Verkehr" bekehrt. Die Räder sind abmontiert. Deichsel und Gestell ruhen auf Blocksteinen. Doch wer bescheidene Ansprüche stellt, findet immer noch Unterschlupf in der Knutschkugel vor Wind und Wetter. Mit dem 220-Volt-Anschluss muss der Bewohner nicht auf den Komfort einer Kochplatte verzichten.


Wenn der Wagen erstmal steht, mit Strom versorgt und gegen Sonne mit Matten isoliert ist, bleibt er stehen. Dann muss mein alter Drahtesel mich 13 Kilometer weiter zum berühmten Capo Vaticano bringen, was allerdings bei bergigen Strecken unter südlicher Sonne mich nicht schlecht schwitzen lässt. Dann steht der Wanderer staunend vor einem Prachtbau mit der Aufschrift: "romano arti grafiche".


In dieser herrlich grünen Umgebung mit Meeresblick fällt den Kreativen dann auch Hübsches ein, wie sie auf ihrer Web-Site zeigen. Doch mein Radweg geht weiter und weiter.


Die Landstraße ist eng, doch wenig befahren. Nur wenig Steigungen zwingen mich zum Schieben. Dazu verdecken Wolken die Sonne, was den Ausflug noch angenehmer macht.


Capo Vaticano entpuppt sich als eine gepflegte Touristenoase mit wohl zauberhaften Stränden, wohl auch einem beeindruckenden Aussichtspunkt. Zu den Stränden wäre ein Abstieg, zum Aussichtspunkt ein Aufstieg nötig. Da mich mein Körper zu einem Schlummerstündchen im Schatten eines alten Olivenbaumes nötigt, bleiben mir beide Attraktionen erspart.


Es erscheint mir ja schon wie eine Manie, an keinem Heiligen- und Kriegerdenkmal ohne Gedenkfoto vorbeizukommen. Auffällig ist, dass der Rückweg meist leichter fällt als der Hinweg. Man sagt ja, dass heimwärts die Pferde schneller ziehen, weil sie Futter und Ruhe wollen. Doch einige Sehenswürdigkeiten will mir Tropea noch zeigen.


Zum einen wäre das der Dom,


von dessen Höhe man herrlich den Hafen und das Land überblickt.


 Zum anderen reizen mich in diesen Städtchen wie auch wieder in Tropea diese hübschen, alten Gassen. Für die Fahrspur sind Platten eingelassen. So hält der Weg eine Ewigkeit.


Dann steht man am besten Platz in Tropea vor einem Palast gleichen Bauwerk mit bestem Meerblick. Die Fenster sind schon seit Jahrzehnten heraus gebrochen, ein Baugerüst rostet vor sich hin und kam auch nicht höher als bis zur ersten Etage. Erstes Grün hat sich in den Fugen verwurzelt. Wie ein verwunschener Schatz zerfällt der Palast am besten Platz in Tropea.


Die Felsfundamente von Tropea stützen mächtige Betongewölbe. In einem Gewölbe feiert das Kind in der Krippe ganzjährig Weihnachten. In anderen Gewölbebogen parken Kleinwagen, soweit sie hinein passen.

Nach stundenlanger Radtour erfreuen mich neue Nachbarn. Eine vierköpfige, junge Familie hat aus Köln einen alten Ford-Hymer-Eriba bis nach Tropea mit dem 65-PS-Diesel gebracht und dabei noch einen kleinen Anhänger gezogen. 


Der alte Ford, Baujahr 1983, hat die begehrte "H"-Nummer der historischen Fahrzeuge. Damit gewinnt der Halter einen ermäßigten Steuersatz und darf durch Umweltzonen fahren. "Ford fahren, fort werfen", trifft nun nicht zu für diesen Hymer. Der Fahrer versichert mir, dass er als Kölner wegen der dortigen Ford-Werke keinen Mercedes fahren würde.


Zum Trost erleichert mir der verhangene Himmel den Abschied von Tropea. Obgleich jetzt das Navi stets "Norden", also Richtung Heimat weist, sind meine Gefühle gemischt. Zum einen zieht mich meine liebe Frau, die mir per Skype von ihrer Arbeit, dem Wetter in München und den Vorkommnissen dort erzählt. Zum andern fasziniert mich die Fremde, in der es mir wohnlich und behaglich wird, wenn es warm genug ist und Internet wie Sat-TV mich mit der Heimat verbinden. Es ist schöner beim Rauschen des Meeres und dem Gesang der Vögel aufzuwachen als daheim in der großen Stadt München. Doch nach drei Nächten in Tropea geht es wieder weiter!
Die meisten Menschen in Tropea verschlafen den Morgenregen. Der Wind rauscht die Wellen in spritzende Höhen. Die ersten nassen Meereszungen schlappen bis kurz vor die Steinmauer, auf der mein rollendes Heim zweieinhalb Meter höher steht. Dass bei dem Brüllen der Wellen überhaupt zu schlafen war, wundert mich. Eine Abfahrt gegen 9.00 Uhr bei Wolken verhangenem Himmel geht durch frische Morgenkühle flott voran. Irgendwo am Wegesrand in einem Städtchen findet sich ein Supermarkt, um frische Vorräte zu bunkern.


Dass dieser kleine Markt in einem unscheinbaren Städtchen am Wegesrand so teure Weine anbietet, erstaunt mich. Wenn mir Gesundheit und Geldbeutel es erlauben, soll so ein nobler Tropfen meinen 70. Geburtstag veredeln - in drei Jahren.



Doch die 190 Kilometer bis zum Ziel Praia a Mare ziehen sich endlos auf der kurvigen Küstenstraße. Kalabrien ist wunderschön, doch viele der durchfahrenen Orte machen einen verlassenen, verarmten Eindruck. Pizzo, Lamzia Terma, Falerna, Nocera Terinese, Armantea, Falconara Albanese - klingende Namen. Meist blickt man auf das Meer. Das lockt grün-blau mit Wellenschaum. Zwischen Straße und Meer zieht sich der Eisenbahnstrang. Manche Ortsdurchfahrten sind so eng, dass in den Kurven Spiegel anzeigen, ob Gegenverkehr aufläuft. Es wird heiß. Mir reicht die Kurverei nach vier Stunden. In einem Dorf zieht es mich ans Meer. Die Straßen werden enger und enger. Der Außenspiegel schiebt die Gartenhecken beiseite. Dann liegt das Meer zum Greifen nah vor mir.

 Davor eine Durchfahrt unter der Eisenbahn. Höhe 1,80 Meter. Umdrehen. Enge Straßen zurück. In die Einbahnstraße kann mein Sechsmeter-Gefährt nicht abbiegen, weil ein PKW in der Kurve parkt. Gegen die Einbahnstraße lässt sich ein Ausweg finden. Ein entgegenkommendes Fahrzeug setzt verständnisvoll zurück. Raus aus dem Dorf. Die nächsten Orte fliegen vorbei, Paola, Montalto Uffugo, Guardia Piemontese, Cetraro, Sangineto, Diamante, Maiera.... irgendwo muss es doch ans Meer gehen. Nächster Versuch, nächste Eisenbahn-Unterfahrt. Höhe 3.00 Meter.

Hinter der Unterführung beginnt der Strand.

Dank meiner SAT-Antenne ist die Kiste mittlerweile jedoch 3,15 Meter hoch. Wieder umdrehen. Weiter. 20 Kilometer bis zum Ziel! Endlich eine Durchfahrt ans Meer, Höhe 3,30 Meter!


Hinter der Unterführung beginnt der Strand doch noch nicht, sondern ein Weg im Sand. Das Meer schillert grün-blau in etwa 150 Meter Entfernung. Der Sand ist unüberwindbar für meinen Dreieinhalb-Tonner. Den Wagen dort einsam stehen zu lassen, erinnert mich an einen Strandspaziergang an einer italienischen Küste mit meiner Tochter vor etwa 30 Jahren. Zurück am Auto war die Scheibe eingeschlagen und der Wagen leer geräumt. Doch zum Essen und Mittagsschlaf passt der Platz prächtig. Danach sind die letzten 20 Kilometer leicht zu schaffen.



WiFi gibt es leider nur an der Rezeption. "Camping Village Praia a Mare" ist eine riesige Anlage. Viele Wohnanhänger stehen noch Winterfest verpackt im hinteren Teil. Etwa fünf, sechs Wohnmobile stehen vereinzelt unter grünen Planen. Zwar bekommt die SAT-Antenne Signale, doch mit den ersten Regentropfen bricht die Verbindung ab. Es sind nur noch 22 Grad im Wagen. Mir ist kalt. Der Körper hat sich auf 24 bis 28 Grad eingestellt. Das kühle Meerbad in den gefährlich hohen Wellen hängt mir noch in den Knochen. Es war ein Gefühl, als zögen mich die Wellen ins Meer hinaus. Meine Frau spricht mir per Skype Mut zu. Das ist auch nötig.


 Published on 1 Jun 2012
Wie würden eigentlich unsere Nachrichtensendungen aussehen, wenn die Salafisten das Sagen hätten, im Gottesstaat Deutschland?
Wie fröhlich ließ sich vor drei Jahren noch über den Salafismus scherzen! Heute ist das ein zunehmend gefährliches Geschäft. Doch wozu sich den Himmel am Meer verderben mit diesen trüben Gedanken?


Allerdings gehört es zu meiner Unterhaltung, mich als Internet- und Info-Junkie mit den einlaufenden Ereignissen auseinander zu setzen. Hier verwöhnt mich mein Pfingstsonntag-Mahl mit in Zwiebeln und Tomaten geschmorten Tofu, Salat und Nudeln. Für mich sind diese Kochkünste, trotz aller guten Ratschläge meiner Frau per Skype, schon eine Herausforderung.


Denn meine Landstreichlerei macht hungrig. Gegen das Meer kämpft der Körper. Die kurvigen, engen Bergstraßen fordern ebenso wie die Stadtdurchfahrten höchste Konzentration. Dazu kommen die Ausflüge mit dem Rad. Das macht Hunger.


Praia a Mare ist ein aufgeblasener Touristenort, der langsam aus dem Winterschlaf erwacht. In der Hochsaison schieben sich hier Scharen von Menschen über die breite Strandpromenade.


Doch jetzt, bald Ende Mai, hat man die weite Wunderwelt fast für sich allein.


Vor Praia a Mare liegt eine bewaldete Insel. Boote setzen über, Höhlen locken Menschen in diese Wasserwelt.


Freunde historischer Fahrzeuge staunen über alte Trecker, welche noch rüstig ihren Dienst verrichten. Es kann, selten zwar, aber dennoch vorkommen, dass ein vierzig, fünzig Jahre alter Fiat-LKW mit langsam drehenden, satten Dieselsound das Straßenbild bereichert. Die tuckernden Ape, welche mit ihrem Zweitakt-Moped-Motoren unverkennbar klingen, ziehen gemächlich über die engen Straßen. Dahinter schlängeln sich dann schon mal längere Autoreihen, die geduldig auf eine Gelegenheit zum Überholen warten. Wahrscheinlicher biegt das Ape-Dreirad aber zuvor in irgendeine Hofeinfahrt ab.


Wen Tempel, Kirchen, Kathedralen, Moscheen weniger reizen, kann seiner medinaiven Neigung an diesem Buddha-Strand frönen. Wenn sich dort die Bikini-Schönen räkeln, lässt sich bestens der Vergänglichkeit des Daseins gedenken.


Das Industriegebiet von Praia a Mare versorgt fromme Pilger auch mit eindrucksvollen Statuen für den Vorgarten. Ein segnender Jesus wäre ja eine denkbare Alternative zu den verbreiteten Gartenzwergen.


Wo sich ein solcher Komplex über das Meer erhebt, da gibt es Geld genug.


Nach zwei Nächten in Praia a Mare geht es schon wieder weiter. Die 40 Kilometer Küstenstraße nach Sapri sind ein unvergessliches Erlebnis. Es ist eng auf dem Weg, die meisten Brücken sind nur einspurig zu befahren. Doch weil es kaum Verkehr gibt, macht mir die Fahrt viel Spass. In einigen Parkbuchten kann man halten, um sich umzusehen.


Von einer Berghöhe kurz vor Sapri grüßt diese Monumental-Statue.


Eine kleine Impression von der großartigen Küstenstraße zwischen Praia a Mare und Sapri.


Mir selbst bringen die Bilder kaum die Gefühle wieder, welche die Fahrt mir machte. Vielleicht regen die Bilder dazu an, die Straße selbst einmal unter die Räder zu nehmen?


Es lohnt sich!




Nach diesen wunderbaren 40 Kilometern von Praia a Mare über Sapri steht der Wagen dann in Villamare. Strand und Camp mit Meerblick gehören mir allein.


Villammare in diesen warmen Maientage der Vorsaison ist eine Oase der Ruhe in landschaftlich bezaubernder Umgebung.


Villammare liegt wie ein Schatzkästchen am Meer. Der Durchgangsverkehr fließt auf einer Umgehungsstraße.






Es geht vom Camp Europa Unita immer mit dem Fahrrad in die wunderbare Umgebung. In Villammare gibt es meinen Eisladen, weiter in Richtung Sapri versorgt mich ein riesiges Einkaufszentrum mit Köstlichkeiten.




Die "CATTEDRALE DI S. MARIA ASSUNTA" liegt im nächsten Bergdorf. Ihre Ursprünge reichen auf das 1069 zurück. In dieser heiligen Halle mit angeschlossenem Gewölbe kann der Besucher vollkommen allein sich seinen Gedanken und Gefühlen überlassen.









Zum Lohn der anstrengenden Radtour ins gebirgige Hinterland versorgt mich der Straßenhändler mit Erdbeeren und Apfelsinen, frisch, preiswert und schmackhaft.

Nach dem köstlichen Mittagsmahl und ausgiebiger Ruhe zieht es mich wieder in das wunderschöne Villammare.






Nach dem Eis bietet der Brunnen am Meer frisches Quellwasser.

Der Eisladen


Der Burgturm von Villammare


Leuchtturm von Sapri

Astronomischer Beobachtungsturm in Sapri

Hinter dem Heiligen spendet der Brunnen "aqua sana", wie mir ein Einheimischer versichert.




Die Dusche am Strand liefert kostenfrei Süßwasser.

Das "Hochhaus" in Villammare ist wohl schon einige Jahrhunderte alt. Damals setzten die Mauer die Rüstung in die Löcher am Mauerwerk ein.



Mit diesen Impressionen aus Villammare und Sapri endet mein himmlischer Ausflug. Was die heimische Hölle betrifft, muss der bislang glückliche Betrachter und Genießer dieser mediterranen Wunderwelt in die Niederungen der Politik tauchen.